Archiv für ‘Kolumne im Anzeiger von Saanen’ Kategorie

Gemeinsam packen wir’s

Dienstag, 19. Oktober 2010

„Die Alpen haben Potenzial.“ Sagt GDI-Trendforscher David Bosshart. „In 20 Jahren wird die touristische Entwicklung dort stärker sein als je zuvor.“ Sagt GDI-Trendforscher David Bossart weiter. „Die einzige Voraussetzung sei, dass die Touristiker einen guten Job machen.“ Ergänzend fügt er bei: „Und der gute Job beginne mit der Gastfreundschaft.“ Doch die Touristiker können einen noch so guten Job machen, wenn nicht alle Bewohner einer Tourismusregion am gleichen Strang ziehen, passiert nämlich rein gar nichts.

Wir alle sind das Erscheinungsbild unserer Region. Egal ob Beizer, Polier, Prokurist oder Polizist. Wir werden von den Gästen als Ganzes wahrgenommen. Darum ist es umso wichtiger, dass wir ein gemeinsames Ziel verfolgen. Nämlich, dass sich unsere Gäste, wohlfühlen. Geben wir unseren Gästen ein Wohlgefühl. Behaglichkeit. Genau gleich verhält es sich bei Feriengästen. Behandeln wir sie wie Freunde. Leben wir die Gast-freund-schaft.

Unsere Region hat ein riesen Potenzial, welches wir nutzen dürfen. Die Alpen sind sexy. Alles andere als austauschbar. Die Ausstrahlung unserer Region ist in einer Welt, in der alles schnell und flach ist und in welcher es hektisch zu und her geht, umso attraktiver.

Wenn die demografische Entwicklung und die Sehnsucht nach Gesundheit anhalten, bietet dies uns ein grosses Potenzial an Besuchern. Schon heute wird der Mensch in den Grossstädten von der Geschwindigkeit, vom Zeitdruck und der Hektik bestimmt. Die Welt der Zukunft ist gross, flach, künstlich und unsicher. Was den Menschen in den Städten heute fehlt, ist vor allem dies: Musse. Zeit für sich selber. Ruhe. Tage ohne Hektik. Ein Time-out von all den tausend Eindrücken, die täglich auf uns einprasseln. Geben wir unseren Gästen Ruhe. Gönnen wir ihnen Zeit.

Wichtig wird in Zukunft sein, dass wir unsere Region als Ganzjahres Region vermarkten können. So kann die Infrastruktur über das ganze Jahr ausgelastet werden. Es ist blöd, wenn wir in nur 6 Monaten für 12 Monate Geld verdienen müssen. Die Hektik in unserer Hochsaison ist für alle zu gross. Für die Bewohner, für die Mitarbeiter wie für die Gäste. Darum muss es oberstes Zeil sein, die Saison auszubauen, damit wir über einen längeren Zeitraum Geld verdienen können.

Damit wir als Vierjahreszeiten Region wahrgenommen werden, müssen alle Leistungsträger mitmachen. Die Behörden. Die Bergbahnen, welche mindestens immer eine Bahn während 365 Tagen geöffnet haben müssen. Die Boutiquen in der Promenade müssen während 300 Tagen geöffnet sein. Auch die grossen Hotels – das Ermitage-Golf sei hier löblich erwähnt – müssen längere Öffnungszeiten anbieten. Wir alle, ob Gewerbler oder Hotelier und Restaurateur haben eine Gesamtverantwortung für unsere Region, die jeder in seinem Umkreis wahr zu nehmen hat. Es darf und kann nicht sein, dass bei ausbleibendem Geschäftsgang, sprich Logiernächten, dem Roger Seifritz und somit dem GST die Schuld in die Schuhe geschoben wird. Jeder von uns muss im Rahmen seiner Möglichkeiten für das Gesamtwohl mehr Verantwortung übernehmen. So, und nur so, können wir uns von unseren Konkurrenten abheben. Und wenn das Produkt stimmt, ist der Gast auch bereit einen angemessenen Preis dafür zu bezahlen.

Hab noch was: „Wo alle das Gleiche denken, denkt niemand besonders viel.“

Gäste, Mist, Strom und Käse

Donnerstag, 16. September 2010

Klimawandel, Wirtschaftskrise, verändertes Reiseverhalten durch den demographischen Wandel: Der Tourismus ist gezwungen, neue Wege zu gehen. Zukunftsfähige Modelle zu entwickeln. Eine Destination muss sich fragen, was sie will. Wie sie es erreichen kann. Wie sie das Erreichte nachhaltig bewirtschaften kann. Mit Nachhaltigkeit meine ich nicht nur Umweltschutz. Nachhaltigkeit beinhaltet auch soziale und kulturelle Komponenten.

Und damit wiederum meine ich die Sehnsucht der Gäste nach Emotionen und Beziehungen. Sie ziehen lokale Produkte und Dienstleistungen vor, weil sie diese mit ihrer Ferienregion verbinden, die sie kennen, und mit ihren Erlebnissen. Es gibt ein schönes Wort dafür: Identifikation.

Damit verbunden sind die Interessen der Einheimischen. Dazu zähle ich auch die Mitarbeitenden aller Branchen, die einen grossen Beitrag zu eben dieser Identifikation leisten. Qualifizierte Mitarbeitende übrigens wählen jene Destination zur Arbeit aus, in welcher sie eine optimale Kombination von Lohn, authentischen Einheimischen, intakter Landschaft und interessanten Gästen vorfinden. Mitarbeitende funktionieren gleich wie Gäste, auch sie suchen Emotionen und Beziehungen. Und Identifikation.

Ein Tourismusmodell bedingt vernetztes Denken. Eine Destination muss so vernetzt, integriert und nachhaltig agieren wie es auch die Natur tut. Die Kühe zum Beispiel liefern den Bauern Milch, Butter, Käse und Dünger. Den Gästen liefern sie blütenreine Wiesen und gepflegte Landschaften. Der Bauer gibt Milch, Butter und Käse weiter, nicht zuletzt an die Gäste. Und den Dünger an die Wiese.

Aber nun haben wir mehr Kühe als vor dreissig Jahren. Also auch zuviel Mist und Gülle. Der authentische Kreislauf aus dem Gleichgewicht geraten und die Natur, die selber immer nur so viel «Abfall» produziert, wie sie selber wieder in den Kreislauf integrieren kann, hat ein Problem. Wir könnten es lösen. Mit einer Biogas-Anlage. Wir können aus Mist und Gülle CO2 neutralen Strom erzeugen – und aus den Speiseabfällen der Restaurants und Hotels, die ab 2011 nicht mehr den Schweinen verfüttert werden dürfen, EU-Recht sei Dank.

Die Biogas-Anlage würde a) den Kreislauf wieder herstellen, b) Energie liefern und c) beitragen zur Positionierung unserer Destination als der natürlichsten Region der Alpen, in der sogar der Strom aus der Steckdose von den Kühen geliefert wird.

Vernetzt betrachtet haben Gäste, Mist, Strom und Käse viel miteinander zu tun. Diese Erkenntnis lässt sich so nutzen, dass allen gedient ist. Nachhaltig. Und damit identifiziert man sich gern.

Meine August Kolumne im AvS

Freitag, 20. August 2010

Vorwärts Marsch…

… dachte ich mir heute Morgen. Dann bin ich in der Promenade in zwei Hunde.. na-sie-wissen-schon getreten. Das ist ein Scheissgefühl. Aber mir wurde bewusst, es ist August.

Was können wir uns glücklich schätzen, dass es Leute im Saanenland gibt, welche über den Tellerrand denken und mit dem Erreichten nicht zufrieden sind, sondern alles dafür geben, dass unsere Region den anderen Regionen um eine oder mehrere Nasenlängen voraus ist.

Bald marschieren Menschen aus dem Saanenland vorwärts. Sie werden sich hinter den sieben Bergen besammeln. Und sie werden sich zusammendenken, welche Vision zur GST Strategie passt. Ja, das ist jetzt halt verkehrt rum, dass die Strategie steht und dann erst die Vision kommt. Sind wir nicht so kleinlich. Man kann das Problem einmal von einer anderen Seite anpacken. Item.

Immer wieder haben vorausschauende Köpfe für Innovation im Saanenland gesorgt. Angefangen 1904 mit dem Bau der MOB, welche die Türen in die weiten Welt öffnete. Die Umfahrungen der Dörfer Gstaad und Saanen sind ebenso nennenswert. Das Injizieren von Anlässen wie Tennisturnier, Menuhin und Country Festival und das Beachvolleyball Turnier u.v.a. sind absolut genial für unsere, eigentlich kleine, Region. Immer wieder haben Einwohner im Saanenland mit Durchhaltewillen für den Erfolg ihrer Vision gekämpft.

Nehmen wir das neuste Projekt: „LesArtGstaad“. Unglaublich. Die Idee haben, und sich dabei als Fantasten abstempeln zu lassen, ist das eine. Aber diesem Projekt einen solchen Glauben zu schenken, dass andere überzeugt werden können, die Projektierungskosten zu übernehmen, verdient meine Hochachtung. Leute mit solchen Visionen braucht das (Saanen-) Land.

Führen wir uns vor Augen. Les Arts Gstaad (LAG) passt perfekt in die Strategie, welche sich der GST auf die Fahne geschrieben hat. Damit lässt sich visionieren. LAG ist mit seiner innovativen Bauweise der Zeit weit voraus. Die zentrale Lage zum Dorf bewirkt, dass Einwohner wie Gäste jederzeit mitten im Kulturgeschehen sein können. LAG bietet die Chance, dass das derzeitige Durcheinander auf dem Bahnhofplatz entwirrt werden kann. LAG bietet die Möglichkeit, dass unsere beiden musikalischen Top Anlässe Menuhin Festival und „les sommets musicaux“ einen wundervollen Konzertsaal bekommen. Neue Anlässe, finden unter dem Dach von LAG Platz. Zum Beispiel der literarische Herbst. Mit diesem Instrument ist es den Hotels möglich, ihre Saison zu verlängern und damit für mehr Wertschöpfung zu sorgen. Gstaad Saanenland wird in Zukunft mehr denn je als die Kultur Region der Schweiz wahrgenommen werden. Zur Kultur gehört genau so ein Alpabzug, Saaner Hobelkäse oder eben die Vorgangs erwähnten klassischen Konzerte. Es werden neue Anlässe entstehen, an welchen philosophische Gedanken ausgetauscht werden. Ein WEF der Philosophen.

Die Bevölkerung kriegt Les Arts Gstaad geschenkt. Der öffentliche Hand kostet das Gebäude keinen Rappen. Auch in Zukunft nicht. Denn mit dem Geld, welche in einer Stiftung angelegt wird, kann das negative Betriebsergebnis bezahlt werden.

Für einmal zählt das Sprichwort, „einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul“, nicht. Denn die Saaner können an Gemeindeversammlungen über das Geschenk diskutieren und anschliessend abstimmen. Wenn das nicht ein Geschenk Gottes ist, dann weiss ich auch nicht, was als Geschenk Gottes durch geht.

Hab noch was: „Diese finden jenes, jene dieses schön. Aber sie müssen es „finden“. Suchen will es keiner.

Staatliche KMU Belästigung

Dienstag, 29. Juni 2010

Soll das „Hahnen“-Wasser in Restaurants gratis sein? Im Tages Anzeiger war im März ein Bericht zu diesem Thema: Hahnenburger: Sturm im Wasserglas? Darin stand zu lesen: „Viele Zürcher Gastrobetriebe bieten ihren Gästen kostenlos Hahnenwasser an. Einen rechtlichen Anspruch darauf haben allerdings nur Restaurantbesucher im Tessin.“

Genügend Auflagen machen uns Wirten und Hoteliers das Leben schwer und beschränken unseren Spielraum. Wir werden durch zahlreiche Vorschriften behindert. Zunehmend haben wir es mit Bewilligungspflichten auf allen Ebenen zu tun. Wir müssen immer mehr Aufgaben übernehmen, welche eigentlich in das Pflichtenheft des Staates gehören. Einige Beispiele? Wir sind Steuereintreiber (Quellensteuer, Mehrwertsteuer, Kurtaxen, Beherbergungstaxen, Pro Litteris, Billag und andere mehr.) Als Polizeiorgan (Nichtrauchen, Alkoholausschank, Schliessungszeiten, Ladenöffnungszeiten) werden wir gebraucht. Zudem sind wir Datenlieferanten an den Staat (Berherbergungsstatistik, Datenerhebung bei den Gästen, Betriebsstatistiken, Lohnstatistiken etc.) Gefragt sind wir auch als Staats- und Arbeitszeitkontrolleure (Lebensmittelgesetz, Hygienevorschriften, L-GAV, KOPAS usw.) Letztlich sind wir noch Konsumentenschützer (Deklaration der Produkte, Herkunftsbezeichnungen, Preisanschriften, Kartellverbote usw.)

Daten werden wie zu Urzeiten der EDV erhoben, was noch mehr Zeit benötigt und rein gar nichts mit der heutigen Technologie zu tun hat.

Klar, andere Branchen haben ebenso mit den Auflagen der Behörden zu kämpfen. Die KMU’s, der viel gepriesene Rückgrat der Schweizer Volkswirtschaft, wird in seiner täglichen Arbeit durch immer mehr Auflagen behindert. Unser Parlament schaffte es bis jetzt nicht, die Mehrwertsteuer Abrechnung zu vereinfachen. Ich schreibe hier nicht von Sondersätzen, für die standortgebundene Exportindustrie Hotellerie, aber von einem einheitlichen Steuersatz und einer vereinfachten Abrechnung.

Die drei grossen Konsumentenorganisationen ASCI, FRC und SKS schlossen sich zusammen und forderten gemeinsam, dass das Hahnenwasser der Wirte dem Gast künftig kostenlos abgegeben werden soll. Die Konsumentenorganisationen begründen ihre Forderung damit, dass für den Wasserkonsum aus Flaschen weder ernährungstechnische, noch hygienische, noch wirtschaftliche Gründe sprechen. Ganz im Gegenteil belastet der Wasser Konsum aus Flaschen im Gegensatz zum Hahnenwasser laut den Konsumentenorganisationen die Umwelt zusätzlich. Der Konsum des Hahnenwasser sei im Vergleich zum Wasserkonsum aus Flaschen nämlich rund 1000 Mal ökologischer. Zudem koste das Hahnenwasser in der Schweiz zwischen 250 bis 500 Mal weniger als das Wasser in den Flaschen.

Dies bestreitet niemand. Im Gegenteil. Viele Restaurants im Saanenland haben auf dieses Bedürfnis reagiert und eine Ausschankanlage installiert, damit das Wasser durch einen Filter fliesst. Auf Wunsch kann mit dieser Anlage dem Quellwasser Kohlensäure beigemischt werden. Kostenlos, wie dies die Konsumentenschutzorganisatoren fordern, kann es nicht sein.

Es gibt kein gratis in der Dienstleistung. Höchstens ein offeriert. Denn, das Glas, die Karaffe, die Ausschankanlage und die Abwaschmaschine wollen bezahlt sein. Die Mitarbeitenden arbeiten nicht umsonst, selbst wenn sie „gratis“ Wasser servieren.

Kurz: Ob das Wasser gratis oder offeriert ist, soll der Unternehmer, der Wirt selber entscheiden. Nicht eine Konsumentenschutz Organisation. Ach, ich lass mich jetzt dann auch schützen.

Wieso die Pauschalsteuer nicht abschaffen?

Freitag, 21. Mai 2010

120 Saaner waren tapfer und demonstrierten ihren Willen in Bern. Schulter an Schulter standen sie vor dem UNIA Gebäude, Arbeitnehmer, Arbeitgeber und Politiker, und sagten, was Sache ist: Wir wollen die Pauschalsteuer nicht abschaffen.

Ich wusste nicht einmal genau, wie die Pauschalsteuer funktioniert. Aber die Saaner werden es wohl wissen. Sie haben ja auch dafür demonstriert. Inzwischen weiss ich es auch: Verdient ein reicher Ausländer sein Geld nur im Ausland oder in Aus-Ländern, dann versteuert er hierzulande nicht Einkommen oder Vermögen, sondern seine «Lebenshaltungskosten». Und zwar pauschal, damit er nicht jedes Wattestäbli auflisten muss. Unter dem Strich zahlt er viel weniger Steuern als ein ebenso reicher, aber normal besteuerter Schweizer.

Ist das gerecht? Nein. Aber es ist ja auch nicht gerecht, dass nur zwei Drittel der Einwohner Bundessteuern bezahlen. Von Steuerdumping der Schweiz können wir auch nicht reden, da ein Steuerwettbewerb unter Ländern wie Kantonen statthaft ist.

Soweit so gut. Zurück zur Demonstration. Ich stellte mir die Frage, wieso die sonst besonnenen Saaner zu einer Demonstration aufgerufen haben. Fand aber keine passende Antwort zur Frage. Auf den ersten Blick ist es einfach eine Demonstration zu organisieren. Auch wurde die Demo mit Sicherheit nach bestem Wissen und Gewissen vorbereitet. Ich persönlich hätte auf eine Demonstration im eigentlichen Sinne verzichtet. Das sollen doch Schreihälse und Trillerpfeifen machen. Die Saaner hätten Herrn Pardini einen Besuch abstatten können. Mit Handorgel, Jodler, Hobelkäse und Zöpfe. So wäre das Auswärtsspiel zu einem Heimspiel geworden und der Herr Gewerkschaftsführer hätte sein Sprachrohr Megafon sein lassen können. Ich meine, stichhaltige Argumente werden auch gehört, wenn sie leise vorgetragen werden.

Haben wir uns schon überlegt, was Sache ist, wenn die Abschaffung der Pauschalsteuer wirklich angenommen wird? Stadtmensch könnte Landmensch überstimmen. Und schon ist sie weg. Zürich hats gezeigt.

Könnten wir nicht mit einkommensstarken Personen Gespräche führen, um festzustellen, wo die „Schmerzgrenze“ der Steuerbelastung liegt? Dann lancieren wir den Steuerwettbewerb und sorgen so für attraktive steuerliche Rahmenbedingungen, sprich: für tiefere Steuern für alle. Ich bin überzeugt, dass wir dadurch viele potente Neuzuzüger für das Saanenland gewännen und durch die Steuersenkung noch mehr Steuern generieren könnten. Die Steuerbelastung würde von den Bürgern besser verstanden und akzeptiert. Nicht zuletzt, weil sie gerechter ist.

Eigentlich klar, dass sich jemand mit einem grossen Vermögen und Einkommen den Ort auswählt, in welchem er eine optimale Kombination von Steuerbelastung und öffentlichen Leistungen antrifft. Unsere Talschaft ist dafür wie gemacht.

Sind wir nicht alle ein bisschen Seldwyla?

Freitag, 16. April 2010

Eigentlich hatte ich schon eine andere Kolumne geschrieben. Fix war sie und fertig. Doch eines Nachts führte mich ein Traum nach Seldwyla. Der beschaulichen Stadt aus Gottfried Keller’s Novellen. Die Gründer derselbigen haben das Städtchen eine gute halbe Stunde von einem schiffbaren Flusse angepflanzt, zum deutlichen Zeichen, dass nichts daraus werden solle. Sie sind ein temperamentvolles Völkchen, stets lustig und zu Vergnügung aufgelegt. Wenn der Wein gärt, welcher rund um das Städtchen gedeiht, taugen die Seldwyler am wenigsten.

In einer so lustigen und seltsamen Stadt kann es an allerhand seltsamen Geschichten und Lebensläufen nicht fehlen.

Nicht, dass ich die Saaner mit den Seldwylern vergleichen möchte. Es kann ja eine Häufung von Zufällen sein, dass mir in letzter Zeit die Seldwyler mit ihrem unüblichen Handeln immer wieder in die Sinne kamen.

Seldwyla zum Ersten
Es war bekannt, dass die Umfahrungsstrasse von Gstaad einen neuen Belag bekommt. Sozusagen ein Taufgeschenk zum 13. Geburtstag. Zwei Wochen vor dem geplanten Umbau, wurde der Tunnel von Dach über Seitenwände bis zum Belag von unliebsamen Partikeln befreit. Ich glaube nicht, dass dies dem Osterhasen zuliebe gemacht wurde. Der ist nämlich lieber am Tageslicht und versteckt seine Nestchen unter den Osterglocken.

Zwei Wochen später: Seldwyla zum Zweiten
Vollkrass Seldwyla war die Mitteilung im Anzeiger von Saanen. Dort stand zu lesen: „Die kleine Umfahrung Gstaad wird vom 6. April bis 2. Juli ab dem Kreisel Dubi bis Kreisel Würsten auf einer Länge von rund einem Kilometer saniert. Während dieser dreimonatigen Intensivbauphase kann der Verkehr auf der Umfahrung nur einspurig in Richtung….“.

Lassen wir uns dies auf der Zunge vergehen. 3 Monate + 1 Kilometer ergibt eine Intensivbauphase. (Ich möchte nicht wissen, wie lange der Bau ohne Intensivphase ginge.) Auf mein Gewerbe umgemünzt wäre dies so: Im Restaurant wird um die Mittagszeit ein Teller bestellt. Der Wirt sagt: „Super ich mach eine Intensivkochphase, um Mitternacht ist der Mittagsteller bereit.“ He, das kann doch in der heutigen Zeit nicht sein. Ich meine, ein Tunnel ist tagsüber gleich dunkel. Es könnte doch auch Nachts gearbeitet werden. Um es auf den Punkt zu bringen: Ich empfinde diese sogenannte „Intensivbauphase“ gegenüber dem örtlichen Gewerbe eine Frechheit. Wir geben uns Mühe, haben grösstenteils Detailgeschäfte, Restaurants  und Hotels während 360 Tage geöffnet. Irgendwelche Beamten bringen es nicht fertig, eine Unternehmung zu finden, die auf Tunnel komm raus diese Belagserneuerung innert nützlicher Frist fertig stellen kann. Unglaublich. In Bern wurde die Marktgasse (circa 800 Meter lang) während etwa 3 Wochen totalsaniert. 24 Stunden wurde daran gearbeitet.

Seldwyla zum Dritten.
Der Verkehr, welcher dank der Intensivbauweise nur während dreier Monate ins verkehrsberuhigte Gstaad umgeleitet werden muss, schlängelt sich fortan stinkend und kolonisiert über schlafende Polizisten (so heissen die verkehrsberuhigenden Bremshügel. Im Fall.), vorbei an staunenden Passanten. Ich mache fast eine Wette, dass die nächste Sanierung die nun befahrenen Bsetzisteine betreffen wird.

Seldwyla zum Bündner.
Eigentlich wollte ich rein gar nichts über das Alphüsli im Talboden schreiben. Zu blöd. Aber die 16-jährige (!) Franziska Raaflaub hat dazu in der AvS Ausgabe vom 9. April einen sackstarken Leserbrief verfasst. Da stehe ich auf und klatsche ob der Wortwahl in die Hände. Vielleicht noch dies: Gstaad globalisiert sich, indem der Globus sich gstaadisiert.

März Kolumne im Anzeiger von Saanen

Dienstag, 16. März 2010

Ich will Fortschritt.

Stehen bleiben will ich nicht. Darum brauche ich den Fortschritt. Kein Schulterklopfen und Kuchen essen. Obwohl’s gemütlicher wäre. Damit unsere Region besser bleibt als die Besten, müssen wir alle Fortschritt wollen und selbstverständlich auch ermöglichen. Wir müssen die Einzigartigkeit zulassen. Das Geltenlassen des Ungewöhnlichen. Auch Toleranz gegenüber Andersdenkenden. Wie sonst konnte Guyer-Zeller vor 117 Jahren die Bahn auf das Jungfraujoch bauen? Wenn er auf die Besserwisser gehört hätte, gäbe es die erfolgreichste Schweizer Bergbahn nicht.

Allen voran muss für unseren Tourismus die Maxime des Andersseins gelten. Die Leitlinien GST wurden am Dienstag präsentiert. Alles nette und schön ausformulierte Phrasen (Die Phrase ist das gestärkte Vorhemd von einer Normalgesinnung, die nie gewechselt wird.) . Die Linien wären dazu da, zu leiten. Nur wohin? Wo ist das Ziel? Steht am Anfang nicht eine Vision? Zum Beispiel: Wir wollen bis 2020 das Saanenland als erstes Organic Ressort der Schweiz positioniert haben. Danach machen Hotelierverein, Gewerbeverein und die landwirtschaftliche Vereinigung mit den drei Gemeinden ihre Leitlinien, welche der gemeinsamen Vision untergeordnet sind.

Die Gemeinde würde vielleicht in Ihren Leitlinien das Ziel, des grossen und kleinen Gemeinderates formulieren. Damit der Weg zu einer Entscheidung entschlackt wird und mehr Bürger involviert werden. Auch der Architekturgeschmack müsste integriert sein. In einem Dorf wie Saanen oder Gstaad braucht es einen Mix, welcher den Charakter und damit das Unverwechselbare eines Dorfes ausmacht. Es darf nicht sein, dass sich die Musikantenstadl-Architektur, welche sich in der Gstaad Promenade auszubreiten beginnt, durchsetzt. Sonst sieht nämlich alles gleich aus. Wir müssen den Charakter eines Dorfes mit verschiedenen artigen Häusern und Geschäften erhalten. Zudem darf die Promenade in Gstaad nicht im gedanklichen Besitztum von wenigen Leuten sein. Alle haben das Recht, Veranstaltungen in der Promenade durchzuführen. Ein weiterer Ansatz für die Leitlinien der Gemeinde ist das Erkennen, dass der Motor der Entwicklung die Hotels sind, nicht die Zweitwohnungen.

Die landwirtschaftliche Vereinigung würde in ihrem Leitbild vielleicht formulieren, dass die Mitglieder keine Silomilch mehr erzeugen. Und den Stacheldraht entstacheln. Die Produkte unserer Landwirte sind ja schon ausgezeichnet und teilweise gut im Markt integriert und damit gute Werbeträger für das Saanenland.

Dann hätte ich noch dies: Man kann nicht mit der Denkweise von heute die Zukunft gestalten.

Bergschnee & Talschnee

Donnerstag, 18. Februar 2010

Meine Kolumne im “Anzeiger von Saanen” vom 19. Februar 2010

Schneefall zum Ersten:
Wir freuen uns über jeglichen Schneefall. Im Fall. Im Sommer natürlich weniger. Aber ab Mitte Oktober kann‘s losgehen. Weil dann lassen wir rund um die Saaner Alpen schneien. Sind ja für alle Eventualitäten vorbereitet. Könnte ja sein dass… Googlen wir mal Schneekanone und schauen wir bei Wikipedia unter Punkt 6 beim Inhaltsverzeichnis „ökologisch und ethische Problematik“ an. Etwa 3‘100 Schneeerzeuger werden Europaweit eingesetzt. Diese verbrauchen 260‘000 MWh Strom. Somit verbrauchen die Schneekanonen Europas jährlich soviel Energie wie eine Stadt mit 150‘000 Einwohnern und soviel Wasser wie Hamburg. Forscher haben festgehalten, dass in den französischen Alpen bis zu 70% weniger Wasser in den Bächen und Flüssen fliessen. Die Vorderseite: Schneekanonen werden verwendet, um Schnee zu ersetzen, der durch den Klimawandel ausbleibt. Die Rückseite: der hohe Energieverbrauch selber trägt wieder zur Verstärkung des Klimawandels bei, was wiederum nach noch mehr Schneekanonen schreit. Auch im Saanenland schreien wir nach schneeerzeugenden Maschinen. Nach dem Schreien kommt das Investieren. Hang um Hang wird mit künstlichem Schnee bedeckt, auf dass die Bergbahnen voll gepackt mit Skimenschen, auf die Berge fahren. Richtig saublöd wird es erst, wenn die Bergbahn defekt ist weil zu rostig. Das ist Zufall. Der kann ja nicht wissen, dass er nicht geplant war.

Schneefall zum Zweiten:
Im Tal drunten schneit‘s natürlich. Lautlos bis in die frühen Morgenstunden. Ein paar Zentimeter reichen und eine Armada von Megaschaufeln, die von Riesenrädern getragen werden, kommen in Gang gesetzt durch die Strassen. Das Motto: Asphalt raspeln. Rückwärts – vorwärts – seitwärts – bergwärts – talwärts. Es wird geraspelt bis der Asphalt fliegt. Weg muss er. Der Schnee. Einfach nur aus dem Weg, damit der Weg frei wird für Fuss- wie Autogänger. Selbst Land Rover und Jeep Ladys können somit gekonnt durch die Kurven gleiten. Die Promenade wird hergerichtet wie ein Green auf einem Golfplatz. Alles auf den Zentimeter genau freigeschaufelt. Da können wir sauglatt mit Discoschlappen vor die Boutique schlifern.

Aufgepasst, jetzt wird‘s un-ironisch. Es darf nicht zum Kreislauf werden, dass wir im Tal den Schnee in den Louibach kippen und ein paar Meter weiter unten den nicht mehr gefrorenen Schnee als Wasser aus der Saane auf den Berg pumpen. An einem Ort übelt der Schnee vor sich hin, ein paar Meter weiter oben wird Schnee auf Frau Holle komm raus erzeugt. Räumen wir den Schnee weniger hektisch. Lassen wir mal hie und mal da einen Haufen, Schneehaufen bleiben. Dieser Schneehaufen könnte von Kindern berutscht, behüpft und belacht werden. Auch auf den Strassen darf es Schnee haben. Wir müssen nicht mit achtzig durch die Strassen rädern. Lassen wir Langsamkeit in unser Leben. Es geht dann nämlich auf einmal alles schneller.